2008

Gitarre & Bass, Februar 2008

Markus Rill - Dinge, die zählen

Es war auf der Christmas-Party des gar nicht mehr so kleinen, aber immer noch feinen Labels Blue Rose, das sich um die Verreitung von Roots-Rock und Americana-Musik in Deutschland einen sehr guten Namen gemacht hat, als ich Markus Rill das erste Mal spielen sah. Er hielt das, was auch seine neueste Veröffentlichung "The Things That Count" verspricht: Bodenständige Songs mit überwiegend persönlichen Themen waren zu hören, vorgetragen in stilistisch sicherer Singer/Songwriter-Manier mit einem Timbre in der Stimme, das an das Organ eines Steve Earle erinnert - wie auch Rills authentischer Texas-Slang.

Das Ambiente dieser bemerkenswerten Party, auf der weitere Blue-Rose-Künstler wie Hank Shizzoe, Julian Dawson und andere kurze Ausschnitte ihres Programms präsentierten, war durchaus stilvoll gewählt. Denn erstmals verließ die in Heilbronn ansässige Plattenfdirma zu diesem Anlass ihre Heimat und schlug im Norden auf, in Hannovers legendärer Blues Garage. Hier ist alles authentisch auf Americana geeicht, vom Ineventar über die Bediensteten bis him zum Chef selbst, und das nicht nur zu dieser Party, sondern bereits seit mehr als 30 Jahren. Den Begrüßer begrüßt zum Beispiel eine riesige Freiheitsstatue, flankiert von einer überdimensionalen Les Paul hinter der Bühne, über der dann zu allem Überfluss auch noch Frank Zappa auf dem Klo sitzend die 70er Jahre wieder aufleben lässtr. Wo bin ich hier gelandet?
Doch die Blues Garage ist brechend voll, und alle wollen Roots-Rock und Americana-Sound hören. Gut, dass Markus Rill vor dem bald folgenden Spektakel noch eine halbe Stunde Zeit hatte, um meine Fragen zu beantworten.

 

Du bist der einzige deutsche Künstler auf dem Blue-Rose-Label – sicherlich schon eine Art Ritterschlag. Wie ist der Kontakt zustande gekommen?
Ich habe vor zehn Jahren meine erste, selbst gemachte CD an Blue Rose geschickt und den Chef Edgar Heckmann darauf kennen gelernt, aber er wollte damals noch nichts mit mir machen. Später habe ich dann einmal als Support von Steve Wynn, auch ein Blue-Rose-Künstler, in Aschaffenburg gespielt, was Edgar überzeugt hat. Ich bekam einen Vertrag und meine aktuelle CD ist mein sechstes Studioalbum und bereits das vierte, das auf Blue Rose erscheint.

`The Things that Count´ ist, wie die beiden anderen zuvor, ebenfalls in Nashville aufgenommen worden? Was bdeutet das für einen Singer/Songwriter, im Mekka dieses Genre zu arbeiten?
Das ist auf jeden Fall großartig. Es ist ja nicht so, dass es in Deutschland keine Top-Studios gäbe. Wir haben unsere Nashville-Produktionen auch in eher  kleinen Studios aufgenommen und hatten wenig Zeit zur Verfügung. Was aber den Unterschied ausmacht, ist einfach diese kreative Atmosphäre, die über der Stadt liegt, und - noch mehr – die Qualität der Musiker und Toningenieure.

Wie hast du die Musiker kennengelernt?
Per Email! Als ich das erste Mal nach Nashville ging, das war für die CD `Hobo Dream´, hatte ich gerade meine komplette deutsche Band verloren. Mit Duane Jarvis, dem Gitarristen von Lucinda Williams und Dwight Yoakam, hatte ich schon länger Mail-Kontakt gehabt und habe ihn dann gefragt, ob er mir in dieser Situation weiterhelfen könnte – was damit endete, dass er selbst mein Album produzierte. Wir hatten damals nur zwei Tage Zeit für die Backing-Tracks, aber das war kein Problem. Danach war ich öfter mal wieder in Nashville gewesen und habe dort mehr Leute aus der Szene kennen gelernt, den Drummer von Buddy Miller, den Bassist von John Prine und so weiter. Duane ist nach Kalifornien umgezogen und ich hatte nun die Wahl, entweder dort mit ihm aufzunehmen, oder in Nashville wieder im gleichen Studio mit Musikern, die ich kannte, zu arbeiten. Ich habe mich für letzeres entschieden.

War das Procedere nun ein anderes?
Nein, eigentlich ähnlich: Kleines Budget, wenig Zeit, prima Musiker! Wir hatten zweieinhalb Tage Zeit, um die Tracks im Studio des Gitarristen Joe McMahan einzuspielen. Nach dem vorwiegend akustisch gehaltenen letzten Album wollte ich wieder mehr E-Gitarre haben – aber nicht dieses knallharte, trockene New-Country-Telecaster-Picking, sondern atmosphärische Sounds. Da war Joe genau der richtige Mann dafür, den ich von seiner Zusammenarbeit mit Kevin Gordon her bereits kannte. Die anderen Musiker der Kerntruppe waren der Bassist Dave Jacques und der Drummer Bryan Owings.

Kannten die die Stücke denn vorher?
Nein. Ich hatte Leadsheets vorbereitet und dann den Song ein- oder zweimal vorgespielt und erklärt, wie ich ihn mir von der Atmosphäre oder vom Beat her vorstelle. Dann haben sie sich kleine Notizen auf ihre Zettel gemacht und und schon rollten die Bänder. Wir haben alle zusammen aufgenommen, nur Backing Vocals und zusätzliche Instrumente wurden nachträglich aufgenommen. Nicht selten haben wir den First Take eines Songs belassen, bei den meisten ist sogar der Gesang des Live Takes geblieben. Das Gute ist einfach, dass man diesen Leuten, wenn man solche Musik wie ich spiele, nicht viel erklären musst. Die spielen einfach los, und es passt perfekt zu dem jeweiligen Song!

Diese Musiker haben im Gegensatz zu den meisten deiner Zuhörer hierzulande den Vorteil, dass sie die Sprache sprechen, in der du singst, und die Songs demnach verstehen...
Ich empfinde das als ganz toll, wenn ich den Jungs in den USA einen Song vorspiele und sie denken nicht nur musikalisch, sondern beziehen sich mit ihren Arrangementvorschlägen auch auf den Text. Dieses wirklich songdienliche Verständnis findet man hierzulande viel zu selten.

Das ist aber doch nicht der Grund, englische Texte zu schreiben.
Nee, soll es auch nicht sein. Aber bei mir ist es nun mal so. Ich hatte immer schon ein Faible für die englische Sprache – und für amerikanische Musik. Mit 13 oder 14 habe ich angefangen, diese Musik zu hören. Also Springsteen, John Mellencamp, damit bin ich aufgewachsen. Dann habe ich ihre Wurzeln verfolgt – Dylan, Woody Guthrie. Das sind einfach Songs, die Geschichten erzählen, und das hat mich immer schon gefesselt. Ebenso wie amerikanische Literatur: Hemingway, Steinbeck, Raymond Carver und viele mehr.

Vielleicht wohnst du ja in dem falschen Land?
Kann sein. Ich war ja schon einmal auf dem Sprung, um mit einer Amerikanerin in ihre Heimat zu ziehen, was dann aber nicht geklappt hat. Eine Zeitlang habe ich allerdings in Austin, TX, gelebt und dort Anglistik studiert. Eine großartige Stadt, in der die Musik genauso lebt wie in Nashville.

Dein neues Album ist ein sehr persönliches. Man hat das Gefühl, dass du durch ein Wellenbad der Gefühle gegangen ist, das dann auch die Themen der Songs bestimmt.
Das ist richtig. Wobei das eigentliche Wellenbad bereits bei der letzten CD `The Price of Sin´ stattgefunden hatte und es jetzt bei `The Things that Count´ darum geht, wieder auf die Füße zu kommen und weiter zu gehen.

Muss man sein Gefühlsleben so ausbreiten und es der Öffentlichkeit preisgeben, wie du es in deinen Songs tust?
Sagen wir so: Ich kann nur Songs schreiben über das, was mich bewegt. Sonst wird das nichts. Ob das nun der Krebstod meiner Mutter ist oder das Auseinanderbrechen einer Beziehung – das tut zwar weh, dorthin zu gehen, aber mit einem Song musst du eben dahin gehen, wo es weh tut. Wie ein Stürmer im Strafraum.

Dann kann ein Song auch Heilung sein.
Ja genau. Wobei ich mich bemühe, meine Songs trotz aller persönlichen Themen nachvollziehbar zu machen. Rein assoziative Texte sind nicht so mein Ding, meine Texte sind eher straight und für jeden begreifbar. Meine Musik beschäftigt sich mit wahren Themen.

Wobei der zentrale Song `Sarah Stein´ eine erfundene Story über eine jüdische Tänzerin ist.
Halb erfunden. Zu diesem Song hat mich ein Buch mit dem Titel „The Old Ballerina“ inspiriert. Dieser Song identifiziert mich im Rest der Welt eben nicht als Amerikaner, sondern als Deutscher, der auch über die jüngere Vergangenheit seines Landes nachdenkt. `Sarah Stein´ war übrigens so ein Song, der als First Take so stehen blieb, wie er auf der CD ist. Besser hätte man ihn einfach nicht spielen können.

Überhaupt ist die Produktion fast schon minimalistisch gehalten.
Ja, das ist eine Tatsache, die mir sehr gut gefällt. Es geht einfach um das Wesentliche eines Songs, um den Kern einer Aussage. Und nicht um das Drumherum. So soll es sein.

Als ich den Titel der Albums "The Things that Count" las, dachte ich, dass du die Antworten auf alle unsere Fragen nach dem Sinn des Lebens parat hättest. Wie sympathisch, dass dann im Booklet hinter dieser Textzeile ein dickes Fragezeichen auftauchte...
So ist es. Das ganze Leben besteht aus Fragen und aus der Suche nach Antworten auf diese Fragen. Manchmal kommt man ein Stück weiter, doch man braucht sich nicht zu wundern, wenn hinter der nächsten Ecke eine neue Frage lauert. Immerhin gibt dies immer genügend Stoff für neue Songs...

Wie entstehen bei dir die Songs?
Manchmal ist es nur ein Gitarrenlick, manchmal eine Text-Idee. Allerdings schreibe ich dann, wenn ein Song entsteht, immer Musik und Text zusammen – einzeln geht überhaupt nicht. Meist ergibt sich eine Strophe und ein Refrain; das bleibt dann liegen und nimmt so nach und nach Form an, bis letztlich der Song dann fertig ist.

Schreibst du an mehreren Songs gleichzeitig?
Nein, eher selten. Ich arbeite meist an einem Song, bis der dann fertig ist. Es gibt aber durchaus Song-Parts, zu denen mir nichts weiter einfallen will. Also ein paar Textzeilen, ein Refrain, oder einfach nur eine gute Melodie. Diese Teile hebe ich auf jeden Fall auf, krame sie beizeiten mal hervor, lege sie wieder weg und horte sie.

Diese Parts kann man doch bei dem so oft in Nashville produzierten Co-Songwriting in die Runde werfen?
Ja, auf jeden Fall. Neulich hat mein Verlag – seit einem Jahr habe ich einen weltweiten Publishing Deal mit Warner Chapell – mich nach Nashville beordert, um dort mit Phil Madeira einen Song zu schreiben. Das war sehr interessant, dann wie die meisten Verlage dort hat auch Warner Chapell so genannte Writing Rooms, die nach jeweils unterschiedlichen Themen eingerichtet sind. Da gibt es den Flower-Power-, den Rock´n´Roll-, den Zen-, den Grand-Piano Room.

In welchem wart ihr denn?
Unser Writing Room nannte sich Outdoor Room und war so ein bisschen wie draußen eingerichtet. In all diesen Räumen befindet sich ein Tasteninstrument und Schreibzeug. Früher waren auch Aufnahmegeräte vorhanden, aber heute hat jeder einen Laptop dabei, mit dem entsprechende Ideen dann gleich aufgezeichnet werden.

Wie geht es weiter?
Es geht immer weiter! Seit einem Jahr habe ich einen Manager, der mir einen Teil meiner Arbeit abnimmt. Den Großteil des Bookings erledige ich selbst, ein Freund aus Berlin hilft dabei. Ich denke, mein Verlag wird mir vielleicht die ein oder andere interessante Kooperation bescheren – und dann werden wir natürlich die neue CD in diesem Jahr ausgiebig live vorstellen! Es gibt genug zu tun.

Gear
Markus Rill trägt Gibson. Teils mit Fingerpicking, teils per Plektrum spielt er auf einer Advanced Jumbo oder einer J-45. Beide Gitarren sind mit einem L.R.Baggs-System aus Pickup und Mikrofon bestückt und werden über eine Ultrasound-Pre-DI-Box ans Mischpult übertragen. Außerdem werden eine Washburn-Mandoline und Hohner Blues-Harps eingesetzt.
Weitere Infos, Tour-Daten etc. : www.markusrill.net; www.bluerose-records.com

Story: Heinz Rebellius